[Gipfelsoli Newsletter] Heiligendamm -- Hokkaido -- Genoa -- NATO
Öffentlicher Verteiler der Gipfelsoli-Infogruppe
gipfelsoli-l at lists.nadir.org
Mo Mär 17 21:35:48 CET 2008
- Der G8-Gipfel in Heiligendamm - Ausnahmezustand in Deutschland
- No-G8 Action: We Firmly Condemn Deportation of Martin Kramer to Russia
- Symposium about the role of Citizens Media in G8 Hokkaido
- G-8-Prozess in Genua: Haftstrafen für 44 Angeklagte gefordert
- NATO Game over - Widerstand militärischer Globalisierung!
- NATO as new target for the anti-globalisation movement?
- Wie alles (bisher) war - Betroffene des MG-Verfahrens berichten
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Der G8-Gipfel in Heiligendamm - Ausnahmezustand in Deutschland
Radiobeitrag Von Anselm Weidner
Download: http://media.de.indymedia.org/media/2008/03//210416.ogg (ogg, 12MB)
[http://gipfelsoli.org/Heiligendamm_2007/4720.html]
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No-G8 Action: We Firmly Condemn Deportation of Martin Kramer to Russia
March 14, 2008, Japanese Immigration Bureau refused entry of and deported a
German activist Martin Kramer who came to Japan to participate in anti-G8
summit at Lake Toya held in this coming July.
Martin came to Japan to tell his experience of anti-G8 at Heiligendamm to
Japanese movements and deepen exchange with people who share his anger against
G8.
We, No! G8 Action, condemn unjust response of Japanese government, and demand
the following:
1. State clearly the reason of exclusion of Martin, and apologize officially.
2. Admit Martin to Japan immediately and unconditionally.
3. Back off all refusals of entry on the ground of thought and creed.Admit all
activists who will participate in anti-G8 actions unconditionally.
We, No G8 Action, appeal all comrades who raise protests against human rights
abuse, reinforcement of security/repression, and surveillance society. Express
your will of protest against Japanese government’s deportation of Martin Kramer
to “Russia” towards embassies of Japan andGermany which he came from.
While in Japan, various groups and networks are going to take some actions
against this situation as well as legal groups are going to protest it,and
prepare with steadily for help activists around the world enter toJapan, it is
necessary to develop domestic and international protest actions against
Japanese government for putting over international solidarity in anti-G8
movement in July.
We call on convergence for fight to win our “freedom to move,” “freedom
ofsolidarity.”
NO! G8 Action
http://a.sanpal.co.jp/no-g8
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Symposium about the role of Citizens Media in G8 Hokkaido
A symposium was held last weekend at Hokkaido University to highlight the
contributions of citizens media to summit reporting and the role of media
centers.
The event was organized by the G8 Shimin Media Center Pre-Establishment Working
Group with cooperation from Hokkaido U faculty and the G8 Media Network and had
been announced on the second page of the Hokkaido Shinbun, the major local
newspaper. About 30 people attended, many saying (in a survey) they were
‘highly interested’ in alternative media. NHK, the local public service
broadcasters reported afterwards.
Panelists in the first session talked about definitions and histories of
citizens media, their differences to mainstream media, radio movements in
Hokkaido, and the potential for activating citizens media in Hokkaido.
The second session spoke about alternative and citizens media in summits,
including the Indymedia network and the Association of Progressive
Communications (APC). A participant report of radio activists work at last
year’s G8 in Germany followed, rounded out by a sneak preview of
G8MediaNetworkTV, a video site for not just ‘protest footage’ but background
information. It wants to appeal also to the uninitiated. One of the pieces
shown was a moving interview with an activist anti-G8 activist. The mass media
in Japan paint critics of the G8 as irrational, violent and dangerous. In
contrast, this activist provides a calm and quiet explanation of the reasons
for opposing the G8, and her vision for a meeting that is not just a protest,
but a community showing how politics can be made differently. The camera
lingers quietly on her face, and cuts are softened by dissolves. This piece,
more than any talk answered the symposium question- why do we need citizens
media at summits.
[http://japan.indymedia.org/newswire/display/4270/index.php]
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G-8-Prozess in Genua: Haftstrafen für 44 Angeklagte gefordert
Auch General Oronzo D’Oria muss sich wegen Polizeiübergriffen vor Gericht
verantworten
Rom – In Genua ist der Prozess gegen das teilweise brutale Vorgehen der
italienischen Polizei gegen protestierende Globalisierungsgegner bei den
Krawallen beim G-8-Gipfel in Genua im Juli 2001 in die Endphase gelangt. Die
Staatsanwaltschaft hat am Dienstag insgesamt 76 Jahre Haftstrafen für 44
Angeklagte gefordert. Vor Gericht stehen 45 Polizisten, Ärzte und Soldaten, die
beschuldigt werden, die festgenommenen Globalisierungsgegner in der Kaserne
Bolzaneto schwer misshandelt zu haben. Zu den Angeklagten zählt auch ein
General, Oronzo D’Oria. Die Staatsanwaltschaft forderte einen einzigen
Freispruch. Die höchste geforderte Strafe betrug fünf Jahre und acht Monate
Haft.
Demonstrant erschossen
In den Sog der Ermittlungen um die schweren Gewalttätigkeiten bei der
Durchsuchung der Unerkünfte von der G8-Demonstranten in den Genueser Schulen
Diaz und Pascoli sowie um die angeblichen Menschenrechtsverletzungen in der
Kaserne Bolzaneto im Juli 2001 waren zunächst circa 160 Polizisten geraten.
Mehrere von ihnen wurden aber entlastet. Die Konferenz der großen
Industrienationen im Sommer 2001 wurde von blutigen Zusammenstößen zwischen
Globalisierungskritikern und der Polizei begleitet. Dabei wurde der Demonstrant
Carlo Giuliani von einem Polizisten erschossen.
Die Vorwürfe gegen die Polizeifunktionäre sind in einem Dossier mit den
Berichten Tausender Zeugen enthalten. Vernommen wurden auch mehrere Ausländer,
die sich an den Protestdemonstrationen gegen den G-8-Gipfel beteiligt hatten.
Danach soll ein Gericht in Genua entscheiden, ob gegen sie ein Prozess beginnen
soll.
Über Misshandlungen nach der Festnahme hatten auch 16 österreichische Mitglieder
der Theatergruppe “VolxTheater-Karawane” geklagt. Sie waren nach dem G-8-Gipfel
festgenommen und drei Wochen lang in Untersuchungshaft gehalten worden.
[http://derstandard.at]
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NATO Game over - Widerstand militärischer Globalisierung!
5 Jahre nach Beginn des Irak-Krieges: ein internationales Aktionswochenende am
NATO-Hauptquartier in Brüssel/Belgien
* 22. März 2008: NATO Game Over – Aktion
* 23.-24. März 2008: Konferenz: militärische Globalisierung und gewaltfreier
Widerstand in Europa
organisiert von Bombspotting und War Resisters International –
www.bombspotting.org – www.wri-irg.org
Europa dient als Grundgerüst für weltweite militärische Intervention. Der Rahmen
ist unterscheidbar: NATO, EU und US sind im Namen der UN vereinigt. Ebenso die
Ziele: Irak, Afghanistan, Libanon… . Aber die Ausgangspunkte nicht:
Militärbasen, Flughäfen und Häfen in Europa. Europa beherbergt eine riesige
Maschinerie für militärische Interventionen.
Die wirtschaftliche Globalisierung steht im engen Zusammenhang mit der
militärischen. Das macht ein Zitat aus dem Weißbuch der Bundeswehr deutlich:
„Von strategischer Bedeutung für die Zukunft Deutschlands und Europas ist eine
sichere, nachhaltige und wettbewerbsfähige Energieversorgung. Beispiele hierfür
sind der weltweit wachsende Energiebedarf, ..., und die Notwendigkeit, in
Entwicklungsländern den Zugang zu Energie und somit Chancen für wirtschaftliche
Entwicklung zu verbessern. Energiefragen werden künftig für die globale
Sicherheit eine immer wichtigere Rolle spielen. (S. 22)”. Daher baut Europa
seine eigenen Interventionsfähigkeiten durch die EU oder durch die
Partnerschaft mit den USA in der NATO aus. Die NATO ist eine der wichtigsten
Institutionen der militärischen Globalisierung, wie es die G8 für die
ökonomische Globalisierung sind. Und genauso, wie wir NEIN zu den G8 sagten,
sagen wir auch NEIN zur NATO – NATO stoppe diese Kriegsspiele, NATO-Game over!
Der 5. Jahrestag des Irak-Krieges ist ein guter Zeitpunkt, um den Widerstand
gegen die militärische Globalisierung wieder zu zeigen. Wir brauchen keine
Maschinerie für weltweite militärische Interventionen. Wir brauchen keine
militärischen Verbündeten, die den Rest der Welt bedrohen. Genug! Sicherheit
ist zu wichtig, um sie dem Militär zu überlassen.
Friedensaktivisten aus ganz Europa werden am 22. März 2008 zur ersten „NATO-Game
over” in Brüssel, Belgien zusammentreffen. Wir gehen zum NATO-Hauptquartier und
schließen es. Wir werden hineingehen und die NATO nach Beweisen zur
Kriegsvorbereitung überprüfen. „NATO-Game over” ist keine gewöhnliche
Demonstration, sondern vielmehr ein Spiel. Es ist ein gewaltfreier und ein
entschlossener Versuch die NATO zu schließen. Jede gewaltfreie Aktion am oder
um das NATO-Hauptquartier war immer mit einem hohem Polizeiaufgebot,
kilometerlangem Stacheldraht, Verboten usw. verbunden… eine schamlose
Verschwendung von Steuergeldern. Das wird uns nicht stoppen. Durch gewaltfreie
Aktionen verhindern wir Kriege und stoppen Kriegsverbrechen. Zwei Wochen vor
dem NATO-Gipfel in Bukarest zeigen wir, dass es an der Zeit ist, die
Kriegsspiele zu beenden.
Bitte melde/t dich/euch an, wenn du/ihr kommen möchtest. Ein Vorbereitungs- und
Aktionstraining findet vom 20.-21. März 2008 statt. Nach der Aktion
organisieren wir eine Konferenz zur militärische Globalisierung und
gewaltfreier Widerstand in Europa, am 23.-24. März. Bei dieser Konferenz in
Brüssel, wollen wir die lokalen Widerstandsgruppen gegen Basen und gewaltfreie
Aktionsgruppen aus verschiedenen europäischen Ländern zusammen bringen, um das
Wissen über Militärkomplexe auszutauschen, Partnerschaften aufzubauen und
gemeinsame Strategien zu erarbeiten. Wir tragen unser Wissen über Militärbasen,
Bewegungen und Einsätze zusammen, um gemeinsam aufmerksam auf die militärische
Interventionsmaschinerie zu machen und welche Rolle unsere lokalen Stützpunkte
dabei haben. Wir untersuchen, wie wir zusammen der Sand im Getriebe dieser
Maschinerie sein können: wie können lokale Aktionen koordiniert werden und wie
erreichen internationale Aktionen mehr Einfluss.
Mehr Informationen und die Anmeldung findet ihr auf: www.bombspotting.org
Kontakt: deutschland at bombspotting.be
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NATO as new target for the anti-globalisation movement?
In 2009 NATO is 60 years and it wants to celebrate that at a summit in Germany
or in France [in France; Gipfelsoli]. NATO is a cornerstone of the military
globalisation. Thanks to NATO European troops are in Afghanistan and Iraq and
the US is given a forward post for its military adventures. Reason enough to
make NATO a target of a broad international movement, just like the G8 is.
Economic globalisation also has its military correlary. New York Times'
columnist Thomas Friedman said: "The hidden hand of the market will never work
without a hidden fist. McDonald's cannot flourish without McDonnell Douglas,
the builder of the F-15. And the hidden fist that keeps the world safe for
Silicon Valley 's technologies is called the United States Army, Air Force,
Navy and Marine Corps." And this fist is not solely a US phenomenon as Europe
builds its own intervention capacity through the EU or forms a partner with the
US in NATO.
NATO is one of the most important institutions in this military globalisation,
just like the G8 is for the economic globalisation. And just like we said no to
the G8, we have to say no to NATO. NATO membership implies participation by your
country in military interventions all over the world, directly with national
forces or indirectly from military bases or as logistical support for foreign
troops. NATO membership can also mean nuclear weapons or missile defense
installations on your soil.
We invite you for a first international preparatory meeting for a campaign
against NATO with focus point its 2009 summit. This meeting will take place in
Brussels on Monday 24 March, on the conference following the NATO Game
Over-action. Already a lot of activists from Germany and France will be
present, so this is a good occasion to give it a start.
The NATO Game Over-action on 22 March is a mass trespassing-action into NATO HQ
in Brussels. We use the 5th anniversary of the Iraq war to make the
international resistance against military globalisation visible. After the
action a conference is organised in order to strengthen the networking between
anti-militarist activists around Europe. And to plan upcoming actions, like
around the 2009 NATO summit.
For more information, you can contact international at bombspotting.be
For more information on:
- the NATO Game Over-action
- how to participate
- the conference
Please register if you want to come!
You can also read the Peace News supplement !
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Wie alles (bisher) war - Betroffene des MG-Verfahrens berichten
Der folgende Text kann weder alle Einzelheiten unserer Festnahme und die
nachfolgenden Monate in U-Haft nachzeichnen noch eine detaillierte Analyse zu
politischer Gefangenschaft liefern. Wir werden hier einen stark subjektiv
gefärbten Erfahrungsbericht liefern, der einen (ersten) Eindruck vermitteln
soll, wie wir die vergangenen Monate nach unserer Inhaftierung und der
Haftverschonung so hinter uns gebracht haben.
Zur Vorgeschichte einer politisch-biografischen Zäsur
Der Ursprung unserer Geschichte spielt sich auf einer völlig unbedeutenden
Buckelpiste in der Brandenburgischen Pampa ab. Irgendwann in den frühen
Morgenstunden des 1. August 2007 werden wir in einer spektakulären, filmreifen
Szene in unserem Fahrzeug gestoppt; vor, hinter und neben uns postieren sich
Fahrzeuge, schwer bewaffnete Männer und Frauen springen heraus, zerschlagen mit
Tonfas unsere Autoscheiben, halten uns ihre entsicherten Knarren Richtung
Schädeldecke und ziehen uns teils durch die zerkloppten Fensterrahmen ins
"Freie", Schnittwunden und Schläge mit dem Pistolenknauf auf Hinterkopf und in
die Rippen inklusive. Nach dem erzwungenen Verlassen unseres Fahrzeugs wurden
wir einzeln und einige Meter voneinander entfernt auf den Boden gedrückt,
Handschellen rasteten ein und etwas Mützenartiges wurde uns über den Kopf
gezogen.
Eintönige Kachelwände auf dem Polizeirevier in Brandenburg/Havel
Innerhalb einer Wartestunde wurden wir einzeln und getrennt voneinander in
ankommende BKA-Fahrzeuge verfrachtet und zur örtlichen Polizeistation nach
Brandenburg/Havel gebracht. Dort angelangt, begann die ganze Prozedur der
Personalienfeststellung, der körperlichen Durchsuchung und des überflüssigen
Versuchs, dass wir uns doch zum Tathergang äußern könnten. Unsere gesamte
Kleidung bis auf die Unterhose wurde eingezogen und in Plastiktüten verstaut.
Als Kleidungsersatzstück bekamen wir einen Einwegmaleranzug zugeteilt, dessen
Tragekomfort sich bereits nach einigen wenigen Stunden erheblich verringerte,
insbesondere dann, wenn die eigenen Körperausmaße nicht mit der Anzugsgröße
korrespondieren wollten.
Auf der Station wurde uns auch erstmals mitgeteilt, worum es sich denn
eigentlich handelt. Wir wurden, so die Darstellung von Beamten, dabei
beobachtet, wie wir gezündete Brandsätze unter drei Bundeswehr-LKWs gelegt
haben sollen. So etwas sei wohl "strafbar", hat man uns gesagt. Einige Stunden
später wurden wir zur Abgabe von Fingerabdrücken genötigt, des weiteren wurde
uns eine Schweiß-/Geruchsprobe teils durch staatliche Gewaltanwendung
abgenommen. Dazu wurden uns Alu-Tüten über die Hände gezogen und an unseren
Unterarmen mit starkem Klebeband befestigt. Eine gute Stunde schwitzten wir so
vor uns hin. Während der Zeit auf dem Revier wurden wir jeweils einzeln in den
Ausnüchterungszellen einquartiert, insgesamt verbrachten wir dort ca. 48
Stunden. In Erinnerung blieben uns allen die grell weiße Kachelei und das
penetrante Säuseln der Lüftungsanlage.
Das Ding mit dem "Terroristisch-Sein" haben wir erst ca. 24 Stunden nach unserer
Ankunft in Brandenburg/Havel erfahren, als sich unsere AnwältInnen bei uns
vorstellten. Ein wirklich beruhigender Moment als klar wurde, dass sich unsere
Festnahme bis nach Berlin herumgesprochen haben musste. Von unseren AnwältInnen
wurde uns offeriert, dass im Zusammenhang mit dem Vorwurf des versuchten
Brandanschlags eine weitere Person festgenommen wurde. Wir, die wir nun zu
viert waren, sollen wie drei zusätzliche Leute wegen Mitgliedschaft in der
Militanten Gruppe (MG) nach § 129a ganz fett ran genommen werden. Das saß dann
erst mal nicht schlecht in der Magengrube. Spätestens ab diesem Zeitpunkt
mussten wir damit umgehen, dass an uns das volle Programm staatlicher
Repression durchexerziert werden soll.
In den Folgestunden haben wir ein ständiges Hin und Her wahrgenommen, was mit
uns geschehen solle bzw. wohin wir erst mal verbracht werden sollen. Erst
sickerte durch, dass wir zum BKA nach Wiesbaden gefahren werden, dann hieß es,
dass es wohl eine Transportgelegenheit nach Karlsruhe zur BAW geben wird.
Schlussendlich übernachteten wir ein zweites mal in den Ausnüchterungszellen.
Am nächsten Morgen verdichtete sich der Verdacht: ab nach Karlsruhe?
Wir wollten nie zum KSC!
Schwer bewacht wurden wir zum Gefangenentransporter geführt, jeweils in eine Box
gequetscht und ab ging's zu einer Landebahn. Allein das etwa viertelstündige
Hochfahren der klapprigen Maschine war ein Spaß für sich, bis die eigentliche
Flughöhe erreicht war. Der Kollege, der einige Stunden nach unserer Festnahme
ins Berliner LKA-Gebäude verschleppt wurde, befand sich ebenfalls an Bord.
Jeweils zwei BKAler platzierten sich links und rechts von uns, beobachten aufs
Penibelste unsere Körpersprache oder nonverbalen Kontaktversuche. Nach dem
2-Stunden-Überflug steuerten wir den Hof des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe
an. Unsere AnwältInnen erwarteten uns bereits und die ersten Gespräche konnten
geführt werden. Jeder von uns Vieren wurde nach einer längeren Wartezeit mit
den Anwälten zum BAW-Ermittlungsrichter vorgelassen. Zwei VertreterInnen des
BKA servierten ihre Sicht der Dinge, d.h. wir seien Aktivisten der Militanten
Gruppe (MG). Unsere Anwälte intervenierten entsprechend, mussten aber schnell
feststellen, dass das den Herrn Ermittlungsrichter nur sehr wenig rührte und er
hauptsächlich damit beschäftigt war, die mangelnde Rechtschreibung seiner
Protokollantin zu korrigieren. Lange Rede, kurzer Sinn: Ausstellung des
Haftbefehls mit Gütesiegel. Nach weiteren Stunden des Wartens ging es auf
demselben Weg wieder zurück nach Berlin.
Willkommen in der Moabiter U-Haft
Zu vorgerückter Stunde und nach einem langen Arbeitstag wurde unser
Begleitschutz richtig ausgelassen. Der Vorstand des BKA-Nachwuchses fing an,
kleine "Kassiber" unter seinen Sprösslingen herumzureichen, die wir natürlich
registrieren sollten. Auf denen waren verschiedene Euro-Summen notiert, das
jeweilige "Kopfgeld" für jeden von uns. Außerdem bepissten sich die honorigen
Jungs und Herren des BKA vor Vorfreude, dass sie nach unserer Ankunft in Berlin
ganz groß auffahren würden. Ursprünglich sollten wir in der Kruppstraße, in der
Nähe der U-Haftanstalt Moabit, landen. Aus welchem Grund auch immer wurden wir
weiter delegiert nach Berlin-Ahrensfelde, einem Hubschrauber-Stützpunkt des
BGS. Dort wacklig aber sicher Erdboden erreichend, standen auch schon mit MP's
bewaffnete BGSler als Empfangskomitee auf dem Rollfeld bereit. Aus weiter
Entfernung nahte dann mit Blaulicht der BKA-Konvoi, der uns wie eine Trophäe
einmal quer durch die Stadt nach Moabit verschaffte.
Nach dem Durchqueren der Knastpforte ging alles seinen administrativen Gang.
Aufnahme und Papierkram, duschen und Unterbringung allein in einer
Zwei-Mann-Zelle. Nach wenig Schlaf und völliger Ungewissheit, wie es jetzt
weitergeht, ging das ganze Prozedere erst richtig los. Strikt voneinander
getrennt durchliefen wir etwa ein halbes Dutzend knastinterner Stationen,
einschließlich Arztcheck und "Durchleuchtung", d.h. alle Körperöffnungen werden
besichtigt, ob nicht an einer bestimmten Stelle Mitbringsel zu finden sind.
Gegen späten Mittag haben wir unser jeweiliges 6-7qm-Luxusappartment bezogen.
Alle hygienischen Standards hinter uns lassend galt es, sich einzurichten.
Erster Schritt dazu ist, sich von den Hausarbeitern, das sind Knackis, die im
Knast u.a. für die Essensausgabe verantwortlich sind, Putzmittel geben zu
lassen. Es fällt einem auf jeden Fall leichter mit dieser neuen Wohnumgebung
einigermaßen klar zu kommen, wenn die Ekelgrenzen nicht allzu früh
überschritten werden.
In der Regel ist es so, dass sich spätestens am Folgetag verschiedene
Führungskräfte der Anstalt vorstellen und dich versuchen "abzuklopfen". Das
reicht vom Teilanstaltsleiter über die Sozialarbeiterin bis zum
"Sicherheitschef". Besonders letzterem bereitete unsere Anwesenheit einiges an
Kopfschmerzen. Er ließ deutlich seine Überforderung durchblicken ob der
Situation, dass er nun auf einen Schlag mit vier "Terroristen" konfrontiert
sei. Zeit für Mitleidsbekundungen hatten wir aber nicht.
Knast als soziales Terrain
Nun waren wir drin. Von einem auf den anderen Moment wurden wir aus unseren
sozialen, familiären und politischen Zusammenhängen herausgerissen. Wahrlich
eine Zäsur. Wir mussten zunächst einmal aus der Schockstarre heraus und uns auf
die eingetretene Situation neu einstellen. Die ersten ein, zwei Wochen sind eine
Phase, in der alles auf dich sehr surreal einwirkt. Der Mikrokosmos Knast mit
seinen eigentümlichen Abläufen erzeugt auch eine bestimmte Form des Interesses
nach dem Motto "Was passiert jetzt"? Du bist ständig am Beobachten, Einschätzen
und Klären. Die eigentliche Realisierung der zeitlich unbestimmten
Gefangenschaft kann nicht sofort eintreten, du bist am Anfang von den neuen,
dir völlig unbekannten Eindrücken eingenommen, teils überfordert.
Erst wenn du tatsächlich "angekommen" bist, tritt das ein, was jeden tief nach
unten zieht: Hey, du bist wirklich hier, eingesperrt, allein. Ein Großteil
deiner Autonomie, die du draußen für dich zu nehmen wusstest, ist hier flöten
gegangen.
Es ist unvermeidlich, das du auf das melancholische Loch zusteuerst und auch
hineinfallen wirst. Erst jetzt bekommst du deine spezifische Situation direkt
zu fassen, leidvoll. Du realisierst, dass sich dein Platz vorerst innerhalb der
Knastmauern befindet, dass alle deine Lebensäußerungen extrem reduziert sind; es
hat was von Endstation. Endstation ist auch wörtlich im klassenspezifischen Sinn
zu sehen: bis auf ein ganz geringer Prozentsatz sammelt der Staat in den
Haftanstalten das subproletarische Milieu. Wenn Klassenjustiz einen für alle
leicht nachvollziehbaren Ausdruck hat, dann den, dass in den Löchern dieser
Republik die Überflüssigen verwahrt und geparkt werden. Deshalb ist Knastkampf
auch Klassenkampf!
Aber zurück zum Trübsinn: Entscheidend ist, dass du dich dieser Melancholie
nicht ergibst. Allerdings wirst du sie zulassen müssen, damit du für dich einen
Weg findest, diese Phase zu überstehen. Das ist anstrengend und zieht sich über
Tage hin und kommt in regelmäßigen Schüben immer mal wieder, heftiger und
weniger heftig. In einer solchen Situation bist du weitgehend auf dich selbst
zurückgeworfen. Die eiserne Tür fällt immer wieder hinter dir zu und der Riegel
wird vorgeschoben, dahinter sitzt du, aufgrund des spezifischen Haftstatuts nur
du. Wenn du dich bisher noch nicht kennen gelernt hast, spätestens hier ist es
soweit. Aber, und das soll mit diesen Darstellungen vor allem vermittelt
werden, es gibt viele Hilfestellungen und Möglichkeiten der (mentalen)
Vorbereitung auf jene Extremsituation, vor die man als Inhaftierter oder
Inhaftierte gestellt ist. Es ist eine große Erleichterung, wenn man ohne
"psychische Vorbelastungen" und politisch-ideologisch einigermaßen fest in den
Knastalltag gerät. Am besten ist natürlich einen solchen biografischen Knick
überhaupt nicht mitzumachen. Aber das ist eben nur der Idealfall. Es ist auch
hilfreich, wenn man sich frühzeitig mit dem Thema Knast und politischer
Gefangenschaft auseinandergesetzt hat. Zum einen gibt es eine kaum mehr
abzuarbeitende Fülle von Erfahrungsberichten zum Überleben im Knast, die von
ehemaligen politischen Gefangenen oft in Autobiografien verfasst wurden, zum
anderen ist das Thema Knast schon immer ein Interventionsfeld der
revolutionären Linken gewesen, da sich hier Auswirkungen staatlicher
Verfolgungsmaßnahmen am unmittelbarsten zeigen. Eine wichtige Einschränkung der
Repressionsvorbereitung ist aber gleich nachzureichen: jede individuelle oder
kollektive Beschäftigung mit Knast und politischer Gefangenschaft hat Grenzen.
Du kannst das, was auf dich mit aller Härte im Falle staatlicher Repression
eindrischt oder wie sich Knast konkret anfühlt, nicht im Sandkasten probeweise
simulieren. Eine Auseinandersetzung draußen mit dieser Thematik und das real
damit Konfrontiertsein drinnen sind zwei Paar Schuhe. Aber, und das ist dick zu
unterstreichen, du kannst einiges von dem, das im Knast eintritt schneller
beurteilen, abwenden und mildern. Du bist im Rahmen dessen, was möglich ist
vorbereitet. Das ist viel und wird dir helfen!
Die Solidarität von draußen, die du drinnen spürst
Kaum überzuberwerten ist die Rolle, die solidarischen FreundInnen, KollegInnen
und GenossInnen draußen zukommt. Angefangen vom Briefe Schreiben über Besuche
bis zur Mobilisierung von Protesten ist alles für den/die Gefangenen
existenziell. Dadurch wurde die Isolierung drinnen, der wir partiell ausgesetzt
waren, aufgebrochen. Wenn du merkst, dass um dich herum ein solidarisches Netz
geknüpft wird, dann hat das sofort positive Rückwirkungen auf dein Gemüt und
deinen Kampfgeist. Diese Wechselwirkung funktioniert gut. Das ist übrigens auch
ein wesentlicher Punkt, der dich im Knast "privilegiert". Du hast eine
erkennbare politische Unterstützung, die dich von draußen erreicht und weit
über deinen Familien- und Freundeskreis geht. Alle anderen Knackis verfügen
darüber nicht oder nur kaum. Auch wenn du dich im Knast selbst noch so sehr von
deiner "Rolle" als politischer Gefangener abkoppeln willst, allein dein
Knastumfeld sorgt dafür, dass du aufgrund des Kontextes deiner Festnahme und
der Mobilisierung draußen einen Sonderstatus hast. Natürlich begreifst du dich
auch drinnen als politisches Subjekt, wenn du nicht untergehen und stabil
bleiben willst. Unterwirfst dich nicht dem Regelwerk des Knastregimes. Du
zehrst von den Erlebnissen und Erfahrungen der GenossInnen, die in welchem
Winkel dieser Welt auch immer für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und
Unterdrückung in vielfältigster Weise kämpfen und z.t. für Jahrzehnte in den
Kerkern der staatlichen Gewalt verschwinden. Erstens relativiert das deine
eigene Situation, zweitens siehst du dich verpflichtet, Knast nicht als tiefes,
schwarzes Loch wahrzunehmen, sondern als Kampfterrain, als den politisch zu
besetzenden Raum, der dir in dieser speziellen Situation zur Verfügung steht.
Die absolute Reduktion des (Über-)Lebens im Knast bringt es mit sich, dass die
Frontverläufe klar definiert sind. Vieles, wenn nicht fast alles an Grau- und
Zwischentönen geht hier notwendigerweise verloren. Du bist angegriffen worden
und jederzeit dem Zugriff des Staates ausgeliefert.
Das scheint einfach gesagt, ist es auch. Nicht in allen Momenten fällt es dir
leicht tough zu sein, manchmal ist es dir sogar unmöglich. Diese
Stimmungsschwankungen haben wir alle durch. Und genau da kommt wieder massiv
die Solidarität von draußen ins Spiel, sie schafft Mut und Zuversicht, dass sie
dich trotz aller Schikanen und Machtdemonstrationen nicht packen können, du
ihnen entgegenzutreten weißt. Du bist mit den Methoden und Mitteln, die sie
gegen dich auffahren nicht kaputtzukriegen - ein großartiges Gefühl!
Einige Ex-Inhaftierte aus dem MG-Verfahren
18. März - Zeitung der Roten Hilfe, 18.03.2008