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Mit Dez 7 00:52:07 CET 2005


- [Diaz-Verfahren] 12. Verhandlungstag
- [Diaz-Verfahren] 11. Verhandlungstag

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 [Diaz-Verfahren] 12. Verhandlungstag
Genova, 24.11.2005

"Das Vorbeifahren eines Streifenwagens [1] war eine Provokation"

Die heute gehörten Zeugen waren zur Zeit des Polizeisturms in der Nacht vom 21.
Juli 2001 beide in der Pascoli-Schule zugegen.

Der erste Zeuge ist R.B., einer der Organisatoren des Medienzentrums, dem auf
der zweiten Etage der Pascoli-Schule untergebrachten Pressezentrum des Genoa
Social Forum, das denen zur Verfügung stehen sollte, die, ob Journalisten mit
offiziellem Auftrag, Freie oder Berichterstatter unabhängiger etwas zum
Informationsfluss über die Initiativen des Genoa Social Forum und die
Demonstrationen beisteuern wollten.

Während der drei Demonstrationstage bleibt R. praktisch immer im Medienzentrum,
um dessen technische und logistische Funktionsfähigkeit zu gewährleisten. Er
beobachtet, wie ein Streifenwagen vorbeifährt. Gesehen hat er nur einen
Streifenwagen, "schlangestehend, am Ende der Strasse, hinter einer Reihe von
Autos, die hinter einem Bus warteten, in den Demonstranten stiegen." Auf der
Straße waren viele Menschen, die auf dem Gehweg oder im Hof vor der
Pertini-Schule saßen [2], die sich unterhielten und die Abreisen organisierten
- "Dieses Auto wirkte nach der Ermordung von Carlo Giuliani und all dem, was in
jenen zwei Tagen passiert war, wie eine Provokation,", erzählt der Zeuge.
Glücklicherweise "bemerken die Demonstranten das Auto erst, als es vor den
beiden Schulen vorbeifährt. Es fliegt eine Bierflasche, die auf dem Asphalt
landet. Es gibt Schreie und Geschimpfe in Richtung des Wagens, das Auto fährt
daraufhin aber davon und alles hat ein Ende."

Die Leute sprechen über die Episode. Man fragt sich, ob es nicht ein
Provokationsversuch gewesen sei. Später beobachtet R. die Ankunft der Polizei
aus der Piazza Merani: "Eine kompakte Abteilung, die entschlossen Schrittes und
mit bedrohlicher Haltung hinunterschritt", wie auch der zweite Zeuge erzählen
wird, der heute ausgesagt hat. R. sieht zu, dass niemand isoliert auf der
Strasse zurückbleibt: er sieht einen Jungen Mann, der das Zauntor der
Pertini-Schule schließt und fordert die anderen auf, in die Pascoli
hineinzugehen. Er schließt den Zaun von dieser Schule, dann die Glastür und
stellt, zusammen mit anderen, zwei Schulbänke vor der Tür, um "den Eintritt zu
verlangsamen". Vor der Ankunft der Polizei gelingt es ihnen noch, einem mit
Schlagstöcken schon geschlagenen Jungen Menschen durch das Fenster
reinzulassen.

Der Sturm auf die Pascoli-Schule dauert nur kurz: die Menschen, die sich im im
Halbkeller aufhalten, bekommen einige Schlagstockhiebe ab und werden
anschließend geheißen, sich in der Sporthalle mit dem Gesicht zum Boden und den
Händen auf dem Kopf hinzulegen: "Ich habe gefragt, ob sie einen Befehl hätten,
aber ein Polizist hat mir geantwortet: 'das ist kein amerikanischer Film! Jetzt
massakrieren wir euch!'" Nach einiger Zeit gehen die Polizisten. R. und die
anderen verstehen, dass sie wieder aufstehen können und stürzen sich nach
draußen, um zu sehen, was gerade in der anderen Schule passiert, aus der man
haarsträubende Schreie hört. Aber Der Zugang ist aber allen verboten,
einschließlich der Anwälte. Wegen des Ohnmachtgefühls steigt die Wut, während
man beobachtet, wie die ersten Verletzten nach außen getragen werden.

Schließlich erzählt er von der Verwüstung, die die Polizei in den Räumen
hinterlassen hat, von den zerstörten Rechnern, insbesondere die der Anwälte, in
denen die Anzeigen gespeichert waren, welche die Demonstranten wegen den
Gewalttaten der vorausgegangenen zwei Tage gegen die Ordnungskräfte erstattet
hatten und von den Videokassetten und weiterem Material, das entwendet wurde.

Der zweite Zeuge ist M.C., genuesischer Arzt, der als Sanitäter des Genoa Social
Forums tätig gewesen war und drei Tage auf der Straße verbrachte, um den
Menschen erste Hilfe zu leisten, die in Auseinandersetzungen mit der Polizei
hineingeraten waren. Auch er beobachtet, wie die Autos vorbeifahren: "Ich habe
gehört, wie eine Glasflasche zu Bruch ging. Es gab Schreie, aber die zwei Autos
haben nicht angehalten. Es sah wie eine Provokation aus. Ich war froh, dass
nichts passiert war." Dennoch erweckt die Episode Misstrauen und Befürchtungen,
so dass gefragt wird, ob irgendwelche Anwälte über Nacht in der Pascoli-Schule
geblieben wären, "denn man dachte, dass noch etwas hätte passieren können. Ich
habe zum Beispiel an eine Durchsuchung gedacht, hätte mir aber das, was dann
geschah, nie träumen lassen". Zum Zeitpunkt des Sturms auf die Pascoli-Schule
befindet sich M. mit den anderen in den Räumen der Erste-Hilfe-Stelle. Seine
Aussage stimmt mit derjenigen der gestern vernommenen Krankenpflegerin überein,
und er hat auch den brutalen Übergriff gegen Mark Covell beobachtet.

Irgendwann bittet ein Polizist um die Hilfe eines Arztes in der Sporthalle.
Dieser behandelt zwei Personen die geschlagen wurden und begreift dann, als er
sich zurück zur ersten Etage hinaufgeht dass "man sie freigelassen hat". Die
Papiere wurden zurückgegeben und die Polizisten haben die Pascoli-Schule
verlassen. Auch für ihn besteht die erste instinktive Handlung darin, zu sehen,
was gerade in dem gegenüberliegenden Schulgebäude geschieht, "aus dem wir
Schreie hörten". In die Pertini kommt aber niemand rein, bis alles vorbei ist.
M. betritt die Schule mit der Überzeugung, jemandem helfen zu können. Er hat
schwer verletzte junge Leute auf Bahren gesehen, die hinausgetragen wurden und
denkt, dass drinnen noch welche sein könnten. Die Schule ist aber leer: "es gab
einen starken Blutgeruch. Selbstverständlich beeindruckt mich Blut nicht, aber
jener Teppich aus blutgetränkten Alltagsgegenständen (Schlafsäcke, Zahnbürsten,
Unterhosen, Hefte) hat mich schockiert. Ich fühlte mich schlecht und habe kurz
danach hinausgehen müssen. Es gab ehe nichts mehr, was ich hätte tun können".

Nächster Verhandlungstag ist Mittwoch, der 30. November, mit drei Zeugen, die
auch in der Pascoli-Schule waren.

Anmerkung von SL-Berlin:

[1] Der Streifenwagen gehörte zu einem Konvoi aus vier Autos, von denen zwei
"zivil" waren, die an jenem Abend an dem Schulenkomplex vorbei fuhren. Zu den
Insassen gehörte der römische Vizepolizeipräsident Di Bernardini, der später
auch dem Sturm auf die Schulen beiwohnen wird. Er gehört im laufenden Verfahren
zu den höherrangigen Angeklagten. Die Polizei versuchte den Sturm auf die
Schulen mit einem angeblichen Steinhagel auf jenes Konvoi aus Polizeiautos zu
rechtfertigen, den es allerdings nie gegeben hat.

Zu di Bernardini siehe u.a. auch: http://de.indymedia.org/2004/07/87069.shtml
Nach langer Krankheit (künstliches Koma) in Folge des im verlinkten Artikel
erwähnten Unfalls ist er nun wieder verhandlungsfähig.

[www.supportolegale.org]





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 [Diaz-Verfahren] 11. Verhandlungstag
Genova, 23.11.2005

Eine Zeugin beobachtete, wie Mark Covell [1] zusammengeschlagen wurde: "Er sah
wie ein Spielkegel aus"

Es sind zwei Zeugen, die heute im Hochsicherheitssaal des Gerichts in Genua beim
11. Verhandlungstag des Prozesses für die Ereignisse zwischen dem 21. und dem
22. Juli 2001 in der Diaz Schule gehört wurden.

Bei der ersten Zeugin handelt es sich um M.B., examinierte Krankenschwester, die
Mitglied des vom Genoa Social Forum aufgestellten medizinischen Dienst zur
Unterstützung der Demonstrationen war. "Wir dachten" am Anfang eigentlich,
"dass wir uns hauptsächlich mit hitzebedingten Problemen zu beschäftigen haben
würden und mit solchen, die durch die hohe Zahl der anlässlich der
Demonstrationen nach Genua angereisten Menschen zu erwarten waten. Die
Ereignisse haben dann einen ganz anderen Lauf genommen, das Sanitätspersonal
sich um eine hohe Zahl von Verletzten kümmern. "Vor allem um Verletzungen an
den Unterarmen und um gebrochene Finger - Abwehrverletzungen also", erzählt die
Zeugin.

In der Nacht des 21. Juli befindet sich M. in der Erste-Hilfe-Stelle in der
Pascoli-Schule, deren Fenster gegenüber der Pertini-Schule [2] liegen. Sie
sieht, wie Mark Covell angegriffen wird: "Er hatte erhobene Arme, die ersten,
die ankamen, begannen, ihn zu schubsen. Dann haben sie sich über ihn hergemacht
ihn mit Tritten traktiert. Er sah wie ein Spielkegel aus." Anschließend
beobachtet sie die Entrée der Polizisten in die Pertini-Schule, wobei die
Ankunft eines Polizisten auch in der Erste-Hilfe-Stelle der Pascoli bald darauf
ablenkt.

Obwohl sie im Vergleich zu dem, was in der Pertini-Schule noch geschehen wird,
weniger gewalttätig war, betrifft die Razzia auch die Pascoli-Schule, Sitz des
Medienzentrums des Genoa Social Forum, wo unter anderem die Rechner der Anwälte
zerstört werden, in denen die zahlreichen Anzeigen gespeichert waren, welche die
Demonstranten wegen den Gewaltexzessen der Ordnungskräfte im Laufe der
Demonstrationen am Freitag und Samstag erstattet hatten. Die Gegenbefragung der
Anwälte der Verteidigung ist ein einziger, langer und zermürbender Versuch, die
Zeugin dadurch nervös zu machen, dass man sie zwingt, sich an Dinge zu
erinnern, die sie nicht gesehen hat.

Woran sich M. aber genau erinnert, ist ihr Betreten der Pertini-Schule
unmittelbar nach den Ereignissen: "Überall war Blut, so viel Blut. Ich nahm
sofort einen Blutgeruch wahr, der sich mit dem von Kot und Urin mischte. Aus
medizinischer Sicht kann eine solches Nachgeben der Schließmuskel nur von
großer Angst oder großem Schmerz ausgelöst werden."

Der zweite Zeuge ist A.C., Jahrgang 1939. Auch er hatte die Sporthalle der
Diaz-Schule gewählt, um seine einzige Nacht in Genua zu verbringen. Ein ruhiger
Ort, sagt er, mit vielen jungen Leuten, die sich unterhielten, und vielen, die
schon schliefen. Er wacht schlagartig auf, als die Polizei in die Schule
einstürmt und ist der erste, der geschlagen wird. Sie brechen ihm einen Arm
(der später zwei mal operiert wird), ein Bein und zehn Rippen: "Als ich den
Lärm gehört habe, dachte ich, das seien die sogenannten Black bloc, es war aber
unsere Staatspolizei."

Angesichts einer solchen Zeugenaussage dürfte die Verteidigung wohl kaum etwas
entgegenhalten können, so fällt dem Rechtsanwalt Corini nichts Besseres ein,
als vom Zeugen Rechenschaft über eine alte Verurteilung wegen unerlaubter
Müllablage [3] zu verlangen, "um seine Glaubwürdigkeit zu beurteilen". Dem
Gerichtsvorsitzenden Barone bleibt nichts Anderes übrig, als darauf
hinzuweisen, dass die Sache "keinerlei Relevanz im laufenden Verfahren hat".

Morgen um 9:30 zwei weitere Zeugen: R.B., einer der Organisatoren des
Medienzentrums, und M.C., Arzt des Genoa Social Forum. Zwei Etagen höher im
Saal des Appellhofgerichts, wird gleichzeitig auch das Bolzaneto-Verfahren
fortgesetzt.

Anmerkungen von SL-Berlin:

[1] Mark Covell wurde vor den Schulgebäuden lebensgefährlich zusammengeschlagen.
Er lag anschließend im Koma und überlebte nur knapp. Mark gehört zu den Opfern,
die mit schwerwiegenden bleibenden Schäden weiterleben müssen.

[2] Die Pertini-Schule ist der Teil des Schulkomplexes, der gemeinhin als
"Diaz-Schule" bekannt ist. In Wirklichkeit ist "Diaz" der Name des gesamten
Komplexes und "Pertini" der Name des Gebäudes, in dem die schlimmsten
Übergriffe stattfanden.

[3] Der AC ist ein authentisches Original, ein Mann, der sein Leben lang immer
in Armut lebte, aber deswegen nie das Lachen verlernte. Der 66-jährige, der als
Kind nur fünf Jahre lang zur Schule gehen konnte, verdient sich seinen
Lebensunterhalt als Schrottsammler. Zur Verurteilung wegen unerlaubter
Müllablage ist es in besagtem Rahmen gekommen. Auch A.C. wird mit bleibenden
Schäden weiterleben müssen. Nach der Gewaltorgie in der Pertini-Schule war er
lange Zeit nicht gehfähig.

[www.supportolegale.org]